Unsere Einkaufsstraßen sterben. Entweder weil die Geschäfte einfach verschwinden oder weil die Einkaufsstraßen mehr und mehr zu langweiligen Wiederholungen der immer gleichen Ketten werden. Diese Entwicklung hat Ursachen – in der Gesellschaft, in der Wirtschaft aber auch in uns selbst.

Doch bevor wir dazu kommen, sei hier die Geschichte einer kleinen Einkaufsstraße aus Stuttgart erzählt. Einer Stadt, die weder unter Verarmung oder Abwanderung leidet. Eine Geschichte, die deshalb umso genauer die systematisch wichtigen Änderungen zeigt.

Man nehme ein übliches städtisches Wohnviertel. Gute S- und U-Bahnanbindung. Zentrumsnah aber doch auch zentrumsfern genug, um nicht Zentrum zu sein. Gemischte Bebauung vor allem aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhundert: Miets- und Mehrfamilienhäuser, oft mit ein wenig Grün drum herum.

Im Viertel eine Straße mit Wohnhäusern aber auch einigen Geschäften. Im Jahr 2005 waren in dieser Straße: Ein Buchladen (eigentümergeführt), ein Ökoladen (eigentümergeführt), zwei Bäcker (im Ergebnis eigentümergeführt), eine Apotheke (eigentümergeführt), ein Blumenladen (eigentümergeführt), ein Zeitschriften- und Lottoladen (eigentümergeführt), ein Metzger (im Ergebnis eigentümergeführt) und eine Art Beautyladen (eigentümergeführt). Der Metzger und ein Bäcker waren Filialen von ortsnahen Meisterbetrieben.

In Summe waren das 9 Betriebe mit sieben Unternehmern bzw. Unternehmerfamilien oder recht selbständig arbeitenden Angestellten. Das ganze Ensemble war ein Bild, eine richtige kleine Oase der Vielfalt und Einkaufsmöglichkeiten.

Was ist nun der Stand heute, im Jahr 2013?

Bäcker, Apotheke, Öko- und Beautyladen gibt es noch. Der Metzger musste die Außenstelle aufgeben, da die EU irgendwelche neuen Hygienevorschriften erlassen hat (kein Problem für die Supermärkte und Konzerne, aber welcher kleine Handwerksbetrieb will das finanzieren?). Der Buchladen ging erst kurzzeitig an einen größeren Betrieb und musste dann schließen. Der Blumenladen macht einfach nicht mehr auf. Der Zeitschriften- und Lottoladen hat aufgegeben und der Laden wurde zu einer Wohnung umgebaut.

Übrig sind also noch fünf Betriebe und wie lange es noch zwei Bäcker gibt oder der Ökoladen noch durchhält, kann man nur ahnen.

Wichtig ist nun, was sich hier soziologisch verändert, denn die Leute gehen ja weiter einkaufen und arbeiten.

Die zentrale Veränderung auf der Anbieterseite ist der Verlust eines sozialen Biotops und zwar eine sozialen Biotops, das durch Selbständigkeit und Unternehmerkultur gekennzeichnet war.

Zugleich geben die Leute nach wie vor ihr Geld aus – aber eben nur woanders. Es mag Zufall gewesen sein oder nicht, jedenfalls machte ca. im Jahr 2007 in ca. drei Kilometer Entfernung ein städtisches Einkaufszentrum auf. Dieses Zentrum bietet angenehme Einkaufmöglichkeiten von Kaufland und Lidl bis Müller und HM. Und viele gehen dorthin zum Einkaufen. Und jeder, der sich ein wenig mit der Arbeitswelt des Einzelhandels auskennt, weis‘, wie dort gearbeitet wird: Zu niedrigen Löhnen, viele 400 Euro-Kräfte, immer auf Abruf, selbstverständlich an sechs Tagen die Woche bis 20 oder sogar 22 Uhr.

Sprich: Im Einkaufszentrum herrscht die schöne neue Welt der schlechtbezahlten Arbeitssklaven.

Was hat sich nun also soziologisch verändert? Ganz einfach: Eine Kultur der Selbständigkeit und des Unternehmertums wurde und wird ersetzt durch eine Kultur der Abhängigkeit und Unselbständigkeit. Aus autonomen Menschen werden winzige Rädchen in großen Getrieben.

Interessant ist: Das gilt nicht nur für die Arbeitnehmer. Auch die Kunden werden darauf trainiert, konditioniert, nur noch Rädchen in großen Getrieben zu sein. Mit dem Unternehmer um die Ecke konnte man sich auseinandersetzen – im Guten wie im Bösen. Mit Kaufland oder HM braucht man als Kunde nicht zu diskutieren, denn die Angestellten vor Ort haben eh nichts zu entscheiden. Entweder man akzeptiert die Regeln von HM und Co. oder man lässt es. Selbständiges, gleichberechtigtes miteinander Umgehen gibt es nicht.

Wir werden alle darauf trainiert, funktionierende Teile der anonymen Großgesellschaft zu sein.

Und dazu gehört auch und vor allem: Dass wir nicht mehr sehen oder verstehen, wo eigentlich der Gewinn aus der Arbeit landet. Wem gehört Kaufland oder HM? Wer leitet diese Unternehmen und profitiert am meisten aus den Einnahmen? … Die Menschen, wir, wissen es einfach nicht mehr.

Und die dargestellten Prozesse laufen auf allen Ebenen der Gesellschaft ab: Lokal, regional, national, international. Zentralisierung, Hierarchisierung und Reduktion von Vielfalt und Autonomie – überall wohin man schaut…

Zum Ende dieses Beitrags sei noch die Frage gestellt, warum diese Veränderungen sich vollziehen, obwohl das kulturell, sozial und politisch doch einen Verlust von Selbständigkeit und Autonomie darstellt. Und die Antwort liegt darin, dass uns als Menschen der unmittelbare Gewinn sehr viel näher liegt als das langfristige Wohl aller. Das Einkaufszentrum bietet eben in Relation von Preis, Auswahl und Einkaufssituation die unmittelbar bessere Alternative. Euro und ESM, als Beispiele auf internationaler Ebene, mögen mittelfristig Wahnsinn sein – unmittelbar helfen sie der Nomenklatura sich an der Macht zu halten.

Dass durch alle diese Entwicklungen auf die Dauer eine zentralisierte, hierarchische, fremdbestimmte Gesellschaft gefördert wird, fließt bestenfalls als Nebenbedingung in die individuelle Kosten-Nutzen-Rechnung ein. Und unmittelbar ist das Einkaufszentrum eben aus je individueller Perspektive oft und immer öfter die bessere Wahl.

Es wird zu sehen sein, wie diese ganze Entwicklung ausgeht. Eine Hoffnung ist, dass diese ganzen großen, zentralisierten und hierarchischen Organisationen so ähnlich wie die Dinosaurier einfach irgendwann aussterben. Denn die kleinste und flexibelste Einheit ist immer noch der Mensch. Und der Mensch wird sich immer anzupassen verstehen.

Vielleicht bricht dann das goldene Zeitalter echter, direkter Demokratie an.

Und wer mit uns dafür demonstrieren will:

Demo zum 1. Jahrestag des ESM-Fehlurteils:

Gegen Euro-Wahnsinn, Überwachungsstaat und EU-Diktatur!

Für Grundgesetz, Bürgerrechte und direkte Demokratie!

 Samstag, den 7. September 2013

in Stuttgart (genauer Ort wird noch bekannt gegeben)

ab voraussichtlich 15.00 Uhr.

Flyer_Demo_Stg

Kommentare zu: "Gedanken über den tagtäglichen Verlust der Selbständigkeit" (6)

  1. J.K. schrieb:

    SEHR GUT dargestellt!
    Aber damit ist auch der Freude genug getan; dann kommt die bittere Trauer resp. Wut.

    WOBEI ….. der Dinosaurier-Aussterbe-Gedanke gefällt mir sehr gut!

    Back to the Roots!!!

  2. J.K. hat das Richtige geschrieben, bis auf seinen Schlußappell, in „schönstem“ Amerikanisch, das hätte er besser bleibenlassen sollen, denn von dort kommt jeder Mist oder jede Schlechtigkeit, so auch diese. über die hier berichtet wurde!

  3. omi146 schrieb:

    Bitte anhören/lesen und weit verbreiten „danke“

    Die Wahrheit – Willy Wimmer – Deutsche Gesetze & Rechte gelten nicht mehr auf deutschem Territorium

    http://german.irib.ir/analysen/interviews/item/223752-interview-mit-willy-wimmer

    Es ist offensichtlich unbestritten, dass in Deutschland festgestellt wird, wer mit wem telefoniert, wer mit wem übers Internet verkehrt und zwar flächendeckend und zwar für alle unsere Einwohner. Totalitärer kann es nicht sein.
    Zitate, die jeder Deutsche kennen sollte

  4. dieandereperspektive schrieb:

    Da fehlt noch die Story warum billig gut ist, weil der Geldbeutel immer kleiner wird. Also back to the roots – mit was denn?

  5. Habe vor Kurzem einen Aufruf bei facebook an meine Bekannten und Freunde gestartet, gegen die schlechten Arbeitsbedingungen bei Amazon. Habe dazu nur einen einzigen Kommentar bekommen. Alle anderen haben sich offensichtlich leider nicht für dieses Thema interessiert.

  6. Norbert Tegge schrieb:

    Vorab möchte ich zu diesem Artikel gratulieren. Sie werden immer besser. Ich hatte sofort ein Bild vor Augen (oder mehrere). Nicht Stuttgart, sondern Bremen, Hamburg, Bremerhaven, Cuxhaven. Danach Dörfer wie Cadenberge. Bei uns fährt nicht mehr DB, sondern Metronom. Die Qualität wurde verbessert. Die Fahrzeiten nicht. Auch der Bahnhof gibt einen jämmerlichen Eindruck wieder. Modernisert wurde die Schiene: Hamburg-Cuxhaven-Bremen. Die Bahnhöfe wurden übersehen!? Das Bahnhofgebäude ist heruntergekommen, stark sanierungsbedürftig. Die Fenster zugenagelt. Geradezu gespentisch. Das Gebäude wird nicht mehr gebraucht.

    Die Wingst ist bekannt für das Qualitätswasser, Quelle. Wunderbare Landschaften, Weiden ect. Hier lebt noch die Natur. Wie sieht das Bild Cadenberge aus?

    Es gibt einen Marktkauf, der gerade eine Immobilie(Schlachterei) gekauft hat (Gebäude wird abgerissen, für Parkplätze), dann gibt es dort die gruseligen Bäckerketten, Banken, Versicherungen(Ergo), Eisdiele, ein künstl. hergestellter Marktplatz (sehr teuer, Verschuldung), einen Facharzt für Allgemeinmedizin (über 70, Weltweit anerkannt, nur in BRD nicht, er will heilen, nicht verwalten, daher immer im Konflikt mit Krankenkassen, Sozialamt, Argen), ein Rathaus, dass wir bald nicht mehr aufsuchen können, da die Einheitsgemeinde droht. Viele leere Geschäftsräume. Wir haben 2 türkische, eine asiatische, sowie eine deutsche Gastronomie, sowie den Taubenhof fürs Kulturelle.

    Die Wingst würde sich geradezu anbieten, dort eine oder 2 Kliniken zu installieren.
    Eine algesiologische, sowie eine psychiatrische (für PTBS, Burnout). Die Rahmenbedingungen wären ideal.

    Nicht nur für die Wingst, sondern auch für den Umkreis bis Hamburg. Den Bahnhof könnte man sanieren, mit Zeitschrift-Schreibladen, sowie Schnellimbiss, Kiosk ausstatten.

    Aus kaufmännischer Sicht wäre es eine wahre Geldquelle. SPD,CDU,FDP,Grüne, Linke wurden kontaktiert. Ergebnis: Null Interesse. Lieber will man(am Bürger vorbei) die Bundesstrasse an Cadenberge vorbei führen…?! Ergebnis wäre ein Zerfall der Ortsmitte (wirtschaftl.).

    Diese Handlungen haben System. Vom Osten, über Norden, Nordrheinwestfalen. So langsam wird es auch den Süden treffen.

    Nur mal so am Rande.

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