Selbstmord

Warum bringen Menschen sich um? Hinter jedem Selbstmord steht eine Tragödie, ein Einzelschicksal. Trotzdem kann man über Selbstmord auch als soziales Phänomen sprechen. Denn in der Summe der Tragödien, in der Anzahl der Selbstmörder, drückt sich eben nicht das Einzelschicksal aus, sondern eine soziale, eine gesellschaftliche Entwicklung.

File:Giotto - Scrovegni - -47- - Desperation.jpg

Bild: Giotto „Verzweiflung“, Widimedia.

In Griechenland etwa hat sich die Anzahl Selbstmorde von 677 in 2009 auf 830 in 2010 und 927 in 2011 erhöht. Bis 23. August 2012 waren es 690 oder ca. 1.100 linear auf das Jahr hochgerechnet: Eine stattliche Steigerung von 62% gegenüber 2009. Viele begründen ihren Selbstmord mit der Wirtschaftslage (Link).

Wir wollen nun über einem konkreten Fall aus Deutschland berichten. Ein Fall, über den mit Sicherheit in keinem Medium berichtet werden wird. Ein „ganz normaler Selbstmord“. Eine Tragödie. Und trotzdem kann durch diesen Fall in seiner ganzen Alltäglichkeit vielleicht manches verdeutlicht werden.

Ein Wirt nimmt sich das Leben.

Man stelle sich eine Gaststätte vor. Der Vermieter ist ein Verein und dieser steht unter wirtschaftlichem Druck. Die Pacht aus der Gaststätte ist eine wichtige Einnahmequelle, damit der Verein seine Verpflichtungen erfüllen kann. Die Pacht für die Gaststätte ist hoch. Bereits mehrere Pächter sind wirtschaftlich gescheitert und mussten nach wenigen Jahren die Gaststätte wieder aufgeben. Der Anreiz, um trotzdem Pächter zu finden, war eine Mietreduktion zu Anfang des Pachtverhältnisses.

Auch der letzte Pächter ließ sich auf diesen Vertrag ein. Der Mann hatte eine Frau und drei kleine Kinder. Man braucht kein Hellseher zu sein, um sich vorzustellen, mit welchen Hoffnungen der Mann in das Vertragsverhältnis ging: Die eigene Gaststätte! Ein kleines, eigenes Universum für sich und seine Familie. Die Frau arbeitete mit und die Kinder waren oft in der Gaststätte anwesend.

Doch es kam, wie zuvor: Die Einnahmen konnten die Pacht nicht tragen. Und man braucht wiederum kein Hellseher zu sein, um zu verstehen, was das innerfamiliär bedeutete: Stress, Streit, Ärger, Entfremdung. Ob die Familie zusammen gehalten hätte ohne diesen Stress? Man weis‘ es nicht, aber es ist wahrscheinlich, dass der familiäre Streit sehr viel mit den wirtschaftlichen Problemen zu tun hatte.

Irgendwann kam dann wohl auch noch der Wirtschaftskontrolldienst und verlangte zusätzliche Auflagen.

Am Ende sah der Mann keinen Ausweg mehr und hat sich in der Gaststätte erhängt. Nachvollziehbar bei klarem Bewusstsein, als Folge seiner eigenen Entscheidung. Im Mai 2013. Finanziell, familiär und vermutlich psychisch am Ende.

Worin liegt nun der Bezug dieses Falles zum Euro-Wahnsinn? Und es sei vorweg bemerkt: Der dargestellte Fall dient zur Illustration und nicht als Beweis.

Das erste zentrale Wort ist: Druck.

Das zweite zentrale Wort ist: Niemand ist verantwortlich.

Mit dem ersten Wort ist der aberwitzige finanzielle Druck beschrieben, der auf jedem liegt, der wirtschaftlich in Deutschland aktiv ist. Der Verein muss das Letzte aus der Immobilie herauspressen – weil er sich sonst selbst nicht mehr erhalten kann. Hinzukommen die Abgaben und Steuern, die am Ende dazu führen, dass vielleicht noch 10, 20, 30% vom Umsatz wirklich dem Unternehmer als Einkommen verbleiben (gilt auch für Arbeitnehmer, wohlbemerkt), während der Rest abgeschöpft und umverteilt wird.

Jeder, der einmal in anderen Ländern gelebt hat, weis‘: Der Leistungsdruck in Deutschland ist aberwitzig groß.

Und nun muss man verstehen, dass durch den Euro-Wahnsinn dieser Leistungsdruck noch einmal absurd vergrößert wurde bzw. wird: Da sich die Staatsverschuldung verdoppelt (und mehr), wird der Staat über die 70, 80%, die er sich jetzt schon vom Einkommen der Bürger einverleibt, diese noch stärker belasten – bis, ja bis „der Rücken des Esels bricht“ (und es ist völlig egal, ob die zusätzlichen Lasten „Grün“, „Rot“ oder „Schwarz“ daherkommen).

Hinzu kommen noch die ganzen unmenschlichen, weil unflexiblen, amtlichen Auflagen, die stets mit der Autorität gelten: Halte dich an das Gesetz – oder geh‘ zum Teufel. Dein Schicksal kümmert den Staat nicht. Dass kein Mensch mehr alle Auflagen kennen, geschweige denn einhalten kann, dass diese stetig mehr und mehr und härter und härter werden – wen juckt das? Es freuen sich nur die Konzerne von McDonalds bis Siemens, dass die „Kleinen“ mehr und mehr verdrängt werden.

Das zweite Wort ist persönliche Verantwortungslosigkeit. Im Vorstand dieses Vereins, wie im Bundestag, wie in der Bundesregierung, wie in der EZB… herrscht die organisierte persönliche Verantwortungslosigkeit. Sicher, im Vorstand des Vereins gab es ebenso wie im Bundestag, wie anderswo, Einzelne, die das Unglück kommen sahen. Menschen, die verstanden, dass die Last der Pacht für diese Gaststätte einfach viel zu hoch ist. Menschen, die verstanden, dass man andere Menschen nicht in das Unglück dieser Gaststätte stürzen darf.

Doch im Vorstand des Vereins wie im Bundestag wie bei den Beamten des Wirtschaftskontrolldienstes geht es eben nicht um Vernunft oder Verantwortung. Es geht um funktionales Funktionieren: Der Euro muss rollen – wenigstens für die nächsten Monate, wenigstens für das nächste Jahr. Und es könnte ja sein, dass die Gaststätte ja doch die Pacht trägt, dass der Euro ja doch gerettet werden kann. So entschuldigen sich die „Verantwortlichen“ für die eigene Verantwortungslosigkeit vor sich selbst.

Der Vorstand des besagten Vereins hat sich übrigens am Abend des Tages, an dem der Selbstmord begangen wurde, mit … der Farbe des Teppichs in der neuen Geschäftsstelle beschäftigt.

So wie unser Bundestag sich nach dem Verbrechen seiner Zustimmung zum ESM anderen Fragen zugewendet hat.

Über die Leiche der Demokratie wollte und will man nicht mehr sprechen. Ebenso wenig wie dieser Vorstand über den armen Mann, der sich in seiner Gaststätte das Leben nahm.

Entmenschlichung. Entmündigung. Versklavung.

Funktionale Brutalität.

Verlust von Maß und Verantwortung.

Das ist die traurige Gemeinsamkeit zwischen dem Euro-Wahnsinn und manchen Selbstmorden.

Und deshalb muss die Macht zurück dahin, wo sie hingehört: Zu den Menschen. Und das ist die Kernidee der direkten Demokratie.

Kommentare zu: "Selbstmord" (7)

  1. Knut schrieb:

    Sehr, sehr guter Vergleich. Genauso ist es! Wunderbar !

  2. murksel schrieb:

    Dies alles ist aber Teil der Strategie in diesem Land und der EU.
    Die EU und die BRD-Regierung werden von dem amerikanischen Tavistock-institute beraten. Experten für psychologische Kriegsführung. Und hier wird doch eigentlich von den Konzernen und der Politik Krieg gegen die europäischen Bürger geführt. Denn was ist Ausplünderung mit dahergehendem Zwang zur Verarmung und zum Tod, wie auch immer, anderes als Krieg?

  3. goetzvonberlichingen schrieb:

    Auf den Punkt gebracht:“Halte dich an das Gesetz – oder geh’ zum Teufel. Dein Schicksal kümmert den Staat nicht“!!!
    Sehr guter Artikel.Den wer ein kleiner „Krauter“, also Selbständiger ist, kennt das!
    Allerdings sich umzubringen ist nicht die Lösung! Kämpfen, und da wo es geht >das „System“ in die Fresse hauen!.

  4. Norbert Tegge schrieb:

    Guter Artikel. Erinnert mich an einem Schriftsteller ca. 1929. Er saß im Gefängnis und schrieb ein Buch…

    Später machte er Karierre von 1933-1945.

    Aber nicht die USA oder die EU sind verantwortlich. Sondern wir!

    Durch das Provisionssystem bedingt haben wir unsere Mitmenschen betrogen, Leid zugefügt. Haben uns verleiten lassen. Wir haben unsere Mitmenschen nicht respektiert.
    Wir haben unseren wirtschaftlichen Erfolg auf Kosten anderer erzielt.

    Wir haben unseren Verstand abgeschaltet. Reagieren auf Emotionen, nicht auf Aussagen.

    Kein Sachbearbeiter der ARGE wird gezwungen Menschen zu entrechten, oder auf 100 Prozent Sanktionen zu verhängen.

    Kein Lebensmittelkontrolleur wird gezwungen Gammelfleisch durchzuwinken.

    Kein Mensch wird gezwungen für Niedriglohn zu arbeiten.
    Kein Soldat wird gezwungen in völkerrechtswidrigen Kriegen mitzuwirken.
    Kein Polizist wird gezwungen auf gewaltfreie Demonstranten einzuschlagen.

    Wir empfinden dies nur. Uns fehlt das Selbstwertgefühl. Wie soll bitte direkte Demokratie funktionieren? Ohne dieses Selbstwertgefühl?

    Menschen die an mittel/schweren Depressionen leiden, haben nicht mehr die Kraft um zu kämpfen. Wie können wir den Menschen wieder mehr Selbstwert vermitteln?

    Durch das angebl. Sozialversicherungssystem bedingt sterben in Deutschland viele Menschen durch Suizid. Dies wird statistisch nur nicht festgehalten.

    Ob Kleinbauer, Kleinunternehmer, Arbeiter, Angestellter, Kranker, Arbeitsloser, alleinerziehende Mutter, Allgemeinmediziner. Wir sitzen alle im selben Boot.

    Lasst es nicht untergehen.

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