Update: Vollständiger Text auf die „Welt„, unten nur gekürzt die wichtigsten Passagen.

Manche Texte sind so wichtig und so gut, dass man sie verbreiten muss. Die Welt hat ein solches Interview veröffentlicht (Link). Wir sind sehr beeindruckt. Dieses Interview muss verbreitet und bewahrt werden. Es ist ein Zeitdokument. Keiner, der es gelesen hat, kann mehr sagen: „Ich habe es doch nicht gewusst!“. :

Lämmer verwandeln sich dann in reißende Wölfe

Wolfgang Hetzer war zwischen 2002 und 2011 bis zu seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst im Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) in Brüssel Leiter der Abteilung „Intelligence: Strategic Assessment & Analysis“ und Berater des Generaldirektors des OLAF für Fragen der Korruptionsbekämpfung. Zuvor war er Referatsleiter im Bundeskanzleramt, zuständig für die Aufsicht über den Bundesnachrichtendienst (BND) in den Bereichen Organisierte Kriminalität, Geldwäsche, Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen und strategische Überwachung der Telekommunikation.

Die Welt: Herr Hetzer, in Ihrem neuen Buch „Finanzkrieg“ warnen Sie vor einem Bürgerkrieg. Aus welchem Grund sollte es dazu kommen?

Wolfgang Hetzer: Weil die Verhältnisse danach sind. Wir leben längst in einer Scheinstabilität – nicht nur wirtschaftlich, auch politisch. Schauen Sie nur nach Italien, die drittgrößte Volkswirtschaft Europas. Dort personifiziert Mario Monti als Nachfolger von Silvio Berlusconi den Bankrott der demokratischen Politik. …

Das betrifft übrigens nicht nur Italien. Ich meine ganz Europa. Aber an Italien lässt es sich ganz gut aufzeigen, denn mit Berlusconi wurde endlich für alle Welt sichtbar: Kriminalität ist Teil der Politik. Schauen Sie nach Frankreich, dort gab es einen Haushaltsminister Jérôme Cahuzac, der über einen längeren Zeitraum das Parlament belog….  

Die Schwelle zum Bürgerkrieg wird dann überschritten, wenn die Leute begreifen, was mit ihnen passiert. Wenn sie erkennen, wer die Rechnung bezahlt für diese misslungene Politik und die Anmaßung der Finanzindustrie

 Das kann sich aber sehr schnell ändern, wenn die Menschen begreifen, unter welchen Umständen ihnen zugemutet wird, harte und ehrliche Arbeit zu leisten, die es ihnen aber allzu oft noch nicht einmal ermöglicht, ein halbwegs unbeschwertes und menschenwürdiges Dasein zu fristen. Aber die Brisanz dessen, was sich verändert, wird den Menschen ganz schnell klar, wenn sie begreifen, dass ein Manager für nur 73 oder 74 Tage angeblicher Arbeit pro Tag über 120.000 Euro ausgezahlt bekommt! …

In der deutschen Wirtschaft haben sich in Teilbereichen geradezu kriminelle Gewohnheiten eingeschlichen. Es ist inzwischen so, dass Manager, noch bevor sie ihre Arbeit beginnen, schon einmal neun Millionen Euro Begrüßungsgeld bekommen. …

Ich meine, dass Gerechtigkeit zum hohlen Pathos verkommen ist. Die Leute werden erkennen, dass die Aussage „Leistung muss sich wieder lohnen“ eine infame Täuschungsformel war und ist.

Ich sage Ihnen, wenn die Leute verstehen, was angeblich so schwer zu verstehen ist, dann werden sie den Politikern einige ganz schwierige Fragen stellen. Und die Politiker werden diese Fragen nicht beantworten wollen.

Steinmeier sagt sinngemäß: „Wer nach der Schuld fragt, liegt falsch.“ Steinbrück sagt sinngemäß: „Wer nach der Schuld sucht, gerät ins Nirwana, weil in so einem komplexen Zusammenhang wie dem Finanzwesen eine Verursachergruppe nicht eindeutig zu identifizieren ist.“ Hallo? Wer hat denn das Investment-Modernisierungsgesetz gemacht? Wer hat eigentlich die Steuerfreiheit von Unternehmenskäufen verfügt? …

Zwischen Arbeit, Leistung und Erfolg haben Entkopplungsprozesse stattgefunden, die in einer sozial schädlichen Weise verdichtet und fortgeführt werden, bis vom Gemeinwohl nichts mehr übrig bleibt. Und dann könnten wir jederzeit die Schwelle zum Bürgerkrieg überschreiten. Es bedarf dann nur des berühmten kleinen Tropfens, der das Fass zum Überlaufen bringt, auch in Deutschland, einem Land in dem die Selbsterfindung des Volkes als revolutionäres Subjekt allerdings bis jetzt eher selten stattfand und sich im Vergleich mit anderen Ländern, Frankreich oder Polen, immer überdurchschnittlich langwierig gestaltete.“

 

Wolfgang Hetzers neues Buch „Finanzkrieg“ erscheint im Westend-Verlag und kostet 21,99 Euro. ISBN 978-3-86489-022-2″

Kommentare zu: "Lämmer werden zu Wölfen" (3)

  1. murksel schrieb:

    Empfehle folgenden Link: http://www.konzern-kritik.de/kapitalismus-regeln.htm
    Besonders interessant ist die Kapitalismus-Regel-Nr. 4.
    Da kann man lesen, dass von den Finanzoligarchen (den 1%) die immer höhere Arbeitslosigkeit und dann auch der Krieg oder die Kriege gewollt sind. Können sie doch dadurch ihren Reichtum weiterhin leistungslos vermehren.
    Der Artikel in der Welt, denke ich, ist absichtlich und gewollt von den für die Krise Verantwortlichen, den Finanzoligarchen und deren Handlangern in Politik und Medien, veröffentlicht worden.
    Der Name „Hetzer“ bürgt für Qualität?

  2. Werner schrieb:

    „…Es ist inzwischen so, dass Manager, noch bevor sie ihre Arbeit beginnen, schon einmal neun Millionen Euro Begrüßungsgeld bekommen…“

    Totaler Quatsch !
    Ich weiss von Dutzenden Managern die vielleicht € 100 000 jährlich verdienen aber keinesfalls „noch bevor sie ihre Arbeit beginnen, schon einmal neun Millionen Euro Begrüßungsgeld bekommen“ .
    Schämt euch diesen absoluten geistesschwachen Quatsch aus der „Welt“ weiter zu verbreiten !!

    Werner

  3. wutbürger schrieb:

    Beppe Grillo tut gut daran keine Koalition einzugehen, denn sonst passiert das, was mit allen anderen auch passiert ist, sie verlieren ihre Glaubwürdigkeit und Wähler. Und die, die sie neu hinzubekommen, sie sind die alten Systembewahrer.

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